Anja Schäfers, “Mehr als Rock ‘n’ Roll: Der Radiosender AFN Mitte der Sechziger Jahre” Transatlantische Historische Studien 52. Ed. Hartmut Berghoff, Clelia Caruso, and Mischa Honeck. (Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2014), 454 S.

Anja Schäfers, “Mehr als Rock ‘n’ Roll: Der Radiosender AFN Mitte der Sechziger Jahre” Transatlantische Historische Studien 52. Ed. Hartmut Berghoff, Clelia Caruso, and Mischa Honeck. (Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2014), 454 S.

Amerikastudien/ American Studies, 62.1

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In ihrem Buch über den US-amerikanischen Radiosender AFN (American Forces Network) untersucht Anja Schäfers dessen Geschichte überaus gründlich und präzise, indem sie den Forschungsgegenstand aus den verschiedensten Perspektiven betrachtet. Ihre Studie schreibt nicht nur frühere Arbeiten fort, sondern darf vielmehr zu Recht als weiterführend angesehen werden. Die Historikerin beschäftigt sich mit der Gründung von AFN noch während des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1943 in Großbritannien, sowie mit der Inbetriebnahme des Senders in Deutschland mit der Sendeanlage in Ismaning bei München im Jahr 1945. Ferner setzt sie sich mit den sich wandelnden Programminhalten und der Wirkungsgeschichte der frühen Jahre des Senders auseinander. Schäfers betrachtet 1965 als ein Wendejahr, indem sie darlegt, dass der Sender danach seine nicht US-amerikanische Zuhörerschaft, darunter ein beträchtlicher Anteil von Deutschen, verlor. Die Gründe hierfür lagen erstens in den Servicewellen, die sukzessive in der ganzen Bundesrepublik eingeführt wurden und mit einer standardisierten Stundenstruktur ausgestattet waren. Hinzu kam die Aufnahme anglo-amerikanischer Popmusik in die Sender. Drittens wurden die Programme zunehmend in narrativer Form moderiert. Und schließlich wurden die Programme mit formatierten Kurzbeiträgen versehen. Daher ist es sinnvoll, dass Schäfers ihre Studie mit dem Jahr 1965 abschließt, gehört der US-amerikanische Radiosender ab diesem Zeitpunkt doch mehr und mehr der Geschichte an.  Zweifelsohne hatte AFN positive (Spät-)Folgen. Am deutlichsten ist dies an der „AFN-Generation“ der nach 1945 Geborenen zu sehen. Denn sie waren der Grund für die Richtungsänderung, die der Verbund der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD) der Bundesrepublik Deutschland weg von einem auf Bildung ausgerichteten Radio mit anspruchsvollen, stündlich alternierenden Inhalten hin zu einem „Populär-Radio“ und auf schnellen Service ausgerichteten Magazin vollzog. Geprägt wurde der neue, „frische“ Stil eines modernen Radios von einer Generation jüngerer, aufstrebender Hörfunkjournalisten, die allesamt über AFN-Hörerfahrungen verfügten und nunmehr begannen die Funkhäuser der ARD zu „infiltrieren“. Als prominentes Beispiel sei der deutsch-US-Amerikaner William McCreery Ramsey genannt, besser bekannt als Bill Ramsey. Er war ein Aushängeschild von AFN, begann als Discjockey, arbeitete nebenbei als Jazzsänger in diversen Clubs in Frankfurt und stieg schließlich zum landesweit populären Schlagerstar, TV-Entertainer und Schauspieler auf. Dass alle von Schäfers befragten Zeitzeugen, Publizisten und Literaten, darunter Günter Kunert und Wolfram Schütte, von AFN als Radiosender und dem völlig neuen Sound, den er spielte, noch heute begeistert sind, ist daher auch nicht verwunderlich. Und so kann es auch nicht überraschen, dass sie die von AFN verkörperte Mischung aus cool-lässigem Lebensstil, Modernität, dekretierter Lockerheit und Populärmusik—von Country über Rock ‘n’ Roll bis Swing und Soul, von Bing Crosby, Ella Fitzgerald, Bill Haley bis Elvis Presley—begierig aufsogen. Es waren nicht wenige deutsche Jugendliche, die bei AFN eine neue Heimat fanden, auch wenn sie sich manchmal gezwungen sahen, sie vor ihren zumeist (sehr) konservativen Eltern zu verbergen.

Für Schäfers stellen die Jahre von 1943 bis circa 1965 die Hauptphase des ursprünglich als reines Informationsmedium für die US-amerikanischen Streitkräfte gedachten AFN dar. Die sogenannte „Goldene Ära“ von AFN endet, als der Sender zunächst zu Beginn der 60er Jahre harten Sparmaßnahmen unterzogen wurde und überdies in jenen Jahren den Übergang ins Zeitalter des Fernsehens „verschlief“. Der Autorin gelingt es diese zentrale Zeitspanne des Senders in weitgehend klar verständlicher Sprache darzulegen, wobei sie wissenschaftliche Fachterminologie lediglich angenehm moderat einfließen lässt. Mit Beginn der 60er Jahre verschwand allmählich auch der Geist von Aufbruch, Erneuerung und Vitalität, der mit einer so liebenswürdig-gewinnenden Wesensart die späten 40er und die Dekade der 50er Jahre geprägt hatte. Hinzu kam, dass die zuvor in (West-)Europa vorherrschende Populärmusik aus den USA von einer neuen Musikrichtung, der aus Großbritannien stammenden „Beatmusik“, an deren Spitze die „Beatles“ und die „Rolling Stones“ standen, sukzessive ins Abseits gedrängt wurde. Die junge westeuropäische Generation hatte somit nach Blues, Country, Rockabilly und Rock ‘n’ Roll sehr schnell wieder einen neuen, eignen Sound für sich entdeckt, der genauso schnell von der immer mächtiger werdenden Unterhaltungsindustrie erfolgreich vermarktet wurde. Ein weiterer Grund für den Niedergang von AFN war, dass ab 1965 der öffentlich-rechtliche Rundfunk begann, die ersten Sendungen für Jugendliche (etwa die Radiothek des Westdeutschen Rundfunks, die Europawelle Saar oder—am populärsten—der TV-Beat-Club von Radio Bremen) auszustrahlen.

Die gut aufgebaute Studie ist in die historischen Zeitabschnitte, also die 1940er bis 1960er Jahre, sowie in die zwei zentralen Kapitel „Programm“ und „Hörerschaft“ unterteilt. Basierend auf der Auswertung der vorhandenen Quellen thematisiert Schäfers auch vergleichsweise früh in ihrer Arbeit das Geheimnis beziehungsweise die Formel für den großen Erfolg von AFN: Der Sender richtete sich von vornherein ganz gezielt an junge Leute, angefangen mit einem Musikprogramm, das sich aus Country, Rock ‘n’ Roll, Jazz und Swing zusammensetzte und somit das typische US-amerikanische (Musik-)Entertainment bot. Dieses Musikprogramm wurde dargeboten durch Moderatoren, die mit klangvollen Stimmen und in gefälligem Plauderton durch die Sendung führten. Gesteigert wurde der Charme der Sprecher durch ihr „American English“, das Coolness und Lässigkeit verbreitete, sowie ihre ungezwungene Offenheit und Freundlichkeit und das dem Sender zugrundeliegende „Discjockey“-Prinzip. All dies trug dazu bei, AFN „lässig“ und vor allem authentisch erscheinen zu lassen. Hinzu kam, dass die Moderatoren über sogenannte „Call-ins“ in direkten Kontakt mit ihren Hörern traten. Sie spielten Musikwünsche der Hörer, die zumeist auf Postkarten tausendfach beim Sender eingingen und standen gelegentlich direkt im Fokus der Öffentlichkeit, wenn sie als DJs in örtlichen Clubs auftraten. Vollendet wurde das Angebot der AFN-Radioshows durch die aktuellen Hinweise auf Konzerte amerikanischer Stars oder Big-Bands, welche gerade in deutschen (Groß-)Städten, wie etwa München, Heidelberg oder Frankfurt gastierten. Dies wiederum erzeugte eine direkte und spezielle Hörerbindung, die bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten jener Dekaden noch völlig unvorstellbar war. Daher gelangt Schäfers zu folgendem Fazit hinsichtlich des Konzepts des Radiosenders AFN: Das Programm bestand zumeist aus neutralen Nachrichten mit den Schwerpunkten (West-)Europa und USA, wobei sowohl auf Polemik als auch auf politische Diskussionen verzichtet und stattdessen auf Lifestyle-Tipps und einen umfangreichen Service gesetzt wurde. Das entscheidende Ziel dieser Strategie war es, den US-amerikanischen Soldaten und ihren Familien in Übersee eine angenehme und sorgenfreie Unterhaltung darzubieten, um somit deren Verbindung „nach Hause“ nicht abreißen zu lassen beziehungsweise zu gewährleisten. Ferner erörtert die Autorin in welcher Form und bis zu welchem Grad sowohl die kulturellen als auch die gesellschaftspolitischen Veränderungen in Berichten, Kommentaren und Nachrichten Eingang fanden und wie die US-Armee als Betreiber und Geldgeber von AFN damit umging. Als Beispiele seien hier die Reportagen der Jahre 1945/46 über die in Nürnberg stattfindenden Kriegsverbrecherprozesse sowie die über den Radiosender in Umlauf gebrachten Werbetexte mit dem warnenden Slogan „Don’t fraternize“ erwähnt. Letztere forderten die US-amerikanischen Soldaten dazu auf, sich höflich, zugleich aber zurückhaltend und reserviert gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung und insbesondere gegenüber den einheimischen Frauen zu verhalten. Ferner arbeitet Schäfers heraus, dass es während des von ihr untersuchten Zeitraums auch zu Kontrollen inhaltlicher Art sowie Zensurvorgängen seitens der Administration der US-Streitkräfte kam. Beispielhaft sei hier die Reportage über einen schwerwiegenden Unfall im Kontext mit der von den West-Alliierten errichteten „Luftbrücke“ Frankfurt/Westberlin genant sowie die Berichterstattung über den Aufstand am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin, bei der sich die Frage aufdrängte, wie man über die Ereignisse berichten solle und insbesondere, wie die Vorkommnisse im sowjetisch verwalteten Teil Berlins einzuschätzen seien.

Anja Schäfers Untersuchung beeindruckt durch ihre Gründlichkeit, Präzision sowie durch einen journalistisch angehauchten Schreibstil und hebt sich dadurch positiv von anderen Werken über die Radiosender beziehungsweise Soldatensender American Forces Network (AFN) und British Forces Broadcasting Service (BFBS) ab. In ihrer umfangreichen Studie weist die Autorin durch eine fast lückenlose Aufarbeitung der vorhandenen Quellen sowie Interviews mit Zeitzeugen nach, dass AFN mit überzeugenden Musik– und Sendeformaten sowie den „American Way of Life“ vermittelnden Moderatoren nicht nur die Radiolandschaft im Westen Deutschlands sowie der späteren DDR tiefgreifend prägte, sondern auch den Lifestyle der folgenden Generationen maßgeblich beeinflusste. Kurz gesagt: AFN brachte seiner Hörerschaft ein jugendliches Lebensgefühl in den Bereichen Mode (unter anderem das Tragen von Jeans), Frisuren (speziell die Rockabilly-Haartolle) oder Genussmittel (vor allem amerikanische Zigarettenmarken wie „Lucky Strike“ oder „Coca-Cola“) nahe, ein Lebensgefühl, das unauflöslich verknüpft war mit einer modernen, nach vorne gewandten und insbesondere auf den Prinzipien der westlichen Demokratien basierenden Sichtweise der Welt. Diese Kulturpolitik griff   – und das war im Rahmen der „Reeducation“ durchaus beabsichtigt – in den nach 1945 aufbrechenden Generationenkonflikt zwischen der deutschen Nachkriegsjugend und deren Elterngeneration ein, wie die Autorin anschaulich in dem Kapitel „Zwischen ‚Ami-Mist‘ und ‚unofficial ambassador‘. Deutsche und amerikanische Deutungen von AFN“ darlegt. Insofern geht Schäfers Arbeit weit über die Untersuchung eines Rundfunksenders hinaus, der heute nicht mehr existiert und nur noch in der Erinnerung von Zeitzeugen weiterlebt; vielmehr ist sie auch eine kleine Geschichte der deutschen Nachkriegszeit bis Mitte der 60er Jahre, schildert sie doch das wechselhafte Schicksal eines Radiosenders vor dem Hintergrund tiefgreifender politischer, gesellschaftlicher, kultureller Transformationen und Mentalitätsveränderungen im besetzten Nachkriegsdeutschland.

Auch wenn die Autorin ihre Quellen in Fußnoten darlegt und somit ein umständliches Nachschlagen im Anhang entfällt, so liest sich die Arbeit dennoch nicht immer flüssig, verliert sich die Autorin doch des Öfteren in für die Arbeit nicht unbedingt relevanten Details. Besonders deutlich wird dies in den Abschnitten, in denen sie in allen Einzelheiten auf Radiofrequenzen, Ultrakurzwellen oder den „Kopenhagener Wellenplan“ von 1948 (international vereinbarter Plan über die Verteilung der Radiofrequenzen unter den einzelnen Staaten beziehungsweise den in ihnen betriebenen Sendern) eingeht. Als weniger differenziert erweist sich die Arbeit gelegentlich in den kulturhistorischen Darstellungen. Auch wenn sich die Rolle der Frau in den westlichen Gesellschaften seit 1945 und dann erneut seit Ende der 60er Jahre erheblich gewandelt hat, mutet es doch seltsam an, wenn die Autorin Bereiche des Alltags, wie etwa Mode, als genuin „weiblich“ bezeichnet (295), oder wenn sie schreibt, dass „Kinder zu dieser Zeit [in den 50er und 60er Jahren] Frauensache waren“(301). Wie alle aktuellen Studien zeigen, sind Kinder heute zwar nicht mehr ausschließlich, aber noch immer mehrheitlich „Frauensache“. Ein weiterer sachlicher Fehler unterläuft Schäfers, wenn sie behauptet, dass sich etliche US-Amerikaner im Untersuchungszeitraum  für Country-Musik schämten (362). Es ist zutreffend, dass Country-Musik an der Ost- und Westküste und in den urbanen Zentren der USA stets weniger Anhänger hatte, ja manche Amerikaner sich für diese Musikrichtung sogar schämen mochten. Doch es handelt sich um eine kleine Minderheit. Vielmehr war Country von Anfang an ein sehr populärer Musikstil und ist es in den USA bis heute, da sich Country, eine Gattung, die im übrigen nichts mit der deutschen „Volksmusik“ gemein hat, in den letzten Jahrzehnten immer wieder erfolgreich wandelte beziehungsweise neu erfand.

Trotz einiger Mängel ist Schäfers’ Arbeit zusammenfassend doch als gelungen zu betrachten, wobei ein Register mit ausgewählten Personen und Orten von Konrad Adenauer über Elvis Presley bis zu Wolfman Jack das insgesamt positive Bild des Werkes abrundet. Lobenswert ist jedoch vor allem die methodisch relevante Tatsache, dass die Autorin ihre Untersuchung nicht nur auf Informationen aus zweiter Hand und Literaturrecherchen stützt, sondern vielmehr ehemalige Mitarbeiter von AFN sowie andere Zeitzeugen interviewt, Archive in Deutschland durchforstet und sogar einige Monate zum Zweck des Quellenstudiums in den National Archives in Washington verbracht hat. Das aus dieser gediegenen Forschungsarbeit entstandene ebenso umfangreiche wie spannende wissenschaftliche Werk zeigt dem Leser, dass der Radiosender AFN zwar auch, insgesamt gesehen jedoch weitaus „mehr als Rock ‘n’ Roll“ war.

 

Stefan Pavenzinger (Regensburg)

Author: American Studies

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