Elizabeth L. Wollmann, Hard Times: The Adult Musical in 1970s New York City (Oxford: Oxford UP, 2013), 271 pp.

Elizabeth L. Wollmann, Hard Times: The Adult Musical in 1970s New York City (Oxford: Oxford UP, 2013), 271 pp.

Amerikastudien/ American Studies, 62.1

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In Hard Times: The Adult Musical in 1970s New York City untersucht Elizabeth Wollman eine Untergattung des amerikanischen Musicals, die Musicalkenner meistens nur von ihrem verruchten Ruf her kennen und die auch nur selten in Studien zum amerikanischen Musical betrachtet werden, obwohl es sich mittlerweile um eine dominierende Untergattung handelt. Die Autorin entführt den Leser auf eine unterhaltsame Zeitreise in die zügellosen 1970er Jahre und gibt einen historischen Abriss über das für Erwachsene komponierte Musical, das spätestens seit der Premiere von Hair (1968) am New Yorker Broadway floriert. Wollmans Studie ist geprägt von einer informativen, sehr detaillierten Darstellung der selten besprochenen Untergattung des Musicals, deren Kontext sie beleuchtet und dabei auf ihre Verdienste im amerikanischen Theater aufmerksam macht. Wollman versteht ihre Untersuchung als kulturhistorische Darstellung des amerikanischen Musicals in den 1970er Jahren, das geprägt war von sexueller Revolution, dem Emanzipationsbestreben der Frau und der Debatte über die Gleichstellung Homosexueller. Was aber das feministische Musical mit dem Adult Musical zu tun hat, bleibt unklar. In I’m Getting My Act Together and Taking It on the Road geht es um die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft, und beide sind mit Sicherheit familientauglich und haben nichts mit den Musicals der anderen Unterkategorien zu tun, in denen sexuelle Zweideutigkeiten und Pornographie sowie leichtbekleidete oder nackte Akteure das erwachsene Publikum begeistern. Das feministische Musical hat nichts mit dem von Jonathan Ward geprägten Begriff „adult musicals” zu tun, den die Autorin in der Einleitung zu ihrem Buch aufgreift. Sie definiert „adult musicals“ als Musicals mit vollständig unbekleideten Akteuren, angedeuteten freizügigen Aktivitäten, sexuellen Anspielungen oder explizit freizügigen Dialogen bzw. Nummern oder ausdrücklich sexuellen Inhalten in der Handlung. Wollman beleuchtet das amerikanische „adult musical“ in seinem historischen, kulturellen und künstlerischen Zusammenhang durch die verschiedenen Dekaden von seinem goldenen Zeitalter bis zu seinen heutigen Ausprägungen. Dabei versucht sie das Adult Musical aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und auch diverse Vernetzungen aufzuzeigen, indem sie zwei Musicals, nämlich Oh! Calcutta! und Let My People Come, gewissermaßen als rote Fäden die gesamte Studie durchziehen lässt. Auf einer begleitenden Website werden dem Leser Hörbeispiele und zusätzliches Bildmaterial geboten, auf die auch im Buch hingewiesen wird. Wollman ist Lehrbeauftragte für Musik am Baruch College in New York und hat in ihrem Buch The Theater Will Rock: A History of the Rock Musical, from Hair to Hedwig (2006) eine weitere Untergattung des amerikanischen Musicals untersucht. Auch ihre vielen Besuche des New Yorker Broadway machen sie zu einer Expertin auf dem Gebiet.

Das Buch gliedert sich in vier thematisch gegliederte Abschnitte. Im ersten Kapitel gibt Wollman einen Überblick über die Vorgeschichte des Adult Musicals. Historisch verortet die Autorin die Untergattung in der Tradition des Vaudevilles und der Burleske des 19. Jahrhunderts sowie den leichtbekleideten Tänzerinnen in den Ziegfeld-Follies. Dabei geht sie sehr ausführlich auf We’d Rather Switch ein, dem ersten am New Yorker Broadway uraufgeführten Adult Musical. Darauf aufbauend diskutiert Wollmann im gattungsspezifischen Kontext die dem Leser wohl bekannteren Musicals Hair und Oh! Calcutta!, die zu ihrer Zeit das bürgerliche Broadway-Publikum revolutionär erregten, aber nicht irritierten. Beide Musicals sprachen in den 1960er Jahren vor allem die männlichen Fantasien an, ohne dass das bürgerliche Publikum daran Anstoß nahm, wobei Hair wohl mit Abstand das einflussreichste Adult Musical ist. Weitere von Wollman erörterte Musicals sind Salvation und Stag Movie. Die Struktur der alten Revuen mit ihrem Nummernprogramm bestimmte auch den Aufbau des Adult Musicals, das thematisch nur oberflächlich zusammengehalten und von den Kritikern wegen seines Mangels an einer dramatisch-integrierten Form verachtet wurde. Den Kritikern waren diese Musicals entweder nicht erotisch genug oder aber zu hard-core-pornographisch. Das Publikum dagegen entschied anders, stürmte die Theaterhäuser und verhalf dem Adult Musical zu seinem Durchbruch. Wollman zeigt in ihrer Studie, dass sich das Adult Musical entgegen den Widerstand der Kritik als ein Experimentieren der theatralischen Ausdrucksform für neugewonnene sexuelle Freiheiten und Freizügigkeiten durchsetzte, insbesondere im Gay Musical und im feministischen Musical, auf die sie in den folgenden Abschnitten ihrer Studie eingeht.

Im zweiten und dritten Kapitel betrachtet die Autorin das Gay Musical. Auch hier kontextualisiert sie die Untergattung kulturgeschichtlich, indem sie auf die Anfänge der Caffe Cino Szene, das Off-Off-Broadway der 1960er Jahre, die Stücke The Boys in the Band und Company sowie das Gay Rights Movement eingeht. Als Wiege des Gay Musicals sieht Wollmann Oh! Calcutta!, ein Broadway-Erfolg lange bevor im Juni 1969 auch politisch in den Stonewall-Aufständen für die Rechte Gleichgeschlechtlicher gekämpft wurde. Genauer werden die Werke von Al Carmines und des Judson Poets’ Theater interpretiert, unter anderem The Faggot, Let My People Come und Lovers. The Faggot ist das erste Broadway-Musical, das sich den Interessen Homosexueller annahm. In The Faggot, Let My People Come und Lovers steht Sexualität im Mittelpunkt, und die Autoren perspektivieren die Themen für Erwachsene, wobei die Tabuthemen weniger das Theater revolutionierten, als vielmehr die Konventionen des Musiktheaters um solche Themen erweiterten. Das Verdienst der Autoren liegt darin, dass sie das erwachsene Broadwaypublikum für erotische Themen begeisterten, die nicht als Familienunterhaltung gedacht waren, und diesen Stoff unterhaltsam und mit hohem künstlerischem Anspruch umsetzten. Wollman analysiert im Kontext des Gay Musicals der 1970er Jahre The Faggot, Boy Meets Boy, Lovers, Gay Company und Sextet.

Der dritte Abschnitt widmet sich dem feministischen Musical. Auch diese Kapitel beginnt Wollman mit der Darstellung des kulturhistorischen Kontexts und geht auf das Musical Hair zurück. Obwohl Hair die Befreiung von bürgerlichen Konventionen in Bezug auf Musik, Politik, Sprache und Drogen thematisiert, sind die weiblichen Charaktere von dieser Befreiung ausgeschlossen. Die Autorin kritisiert das amerikanische Musical als sozial konservativ, was dazu führe, dass nur wenige offensichtlich feministische Musicals kommerziell produziert wurden. Im interpretatorischen Teil des Abschnitts werden die Musicals Mod Donna: A Space-Age Musical Soap, The Club und I’m Getting My Act Together and Taking It on the Road analysiert. Wollman zeigt ihre Entwicklungsgeschichte auf und legt dar, wie stark die Werke kritisiert wurden und wie wenig Unterstützung sie von männlicher Seite erhielten. Erst die späteren 1970er Jahre verhalfen mit ihrem Sinn für Humor dem feministischen Musical zum Durchbruch.

Im letzten Teil der Studie geht es um den legalen Status von Obszönität und Zensur seit Mitte der 1950er Jahre. Die öffentliche Akzeptanz von Pornographie, der Bedeutungswandel von Obszönität und die schwindenden Grenzen zwischen Kunst und Erotik gaben dem amerikanischen Musical in den 1970er Jahren neue Impulse. So hatte etwa der Porn Chic der 1970er Jahre Einfluss auf Let My People Come. Wollman analysiert The First Nudie Musical, Alice in Wonderland: An X-Rated Musical Fantasy und die Revue Le Bellybutton von Marilyn Chambers. Weitere Stücke, die in diesem Zusammenhang betrachtet werden, sind Che! und Let My People Come. Während Oh! Calcutta! Probleme mit der Zensur umgehen konnte, wurde Che! vor Gericht verhandelt. Schließlich betrachtet die Autorin die Entwicklung des Broadway-Musicals in den wirtschaftlich erfolgreichen Jahren von 1965 bis 1975 und während der darauf folgenden wirtschaftlichen Krise. Einerseits wollte der Broadway sich touristen- und familienfreundlich zeigen, andererseits wollte der Broadway auch das Adult Musical als massentaugliche Unterhaltungsform fördern. Die sexuelle Revolution im Broadwayhit I Love My Wife (1977) von Michael Stewart (nach seinem Erfolg mit Hello Dolly) und Cy Coleman zeigt, dass das Adult Musical tatsächlich massentauglich geworden ist und auch von Meistern des amerikanischen Musicals verfasst wird. Wollman beschließt ihre Studie, indem sie die Einflüsse des Adult Musicals der 1970er Jahre auf das Broadway und Off-Broadway-Musical der 1990er Jahre zeigt.

Hard Times: The Adult Musical in 1970s New York City lässt sich aufgrund des narrativen Stils gut lesen. Die Autorin führte zahlreiche Interviews mit Personen, die in die Szene des Adult Musicals der 1970er Jahre involviert waren; schon allein das macht das Buch lesenswert. Trotz seiner narrativen Teile ist das Buch akademisch und diskutiert die Entwicklung der künstlerischen Darstellung und gesellschaftlicher Einstellungen zu Sexualität, Erotik und Pornographie im gesellschaftlichen Wandel seit den 1950er Jahren am Beispiel ausgewählter Werke des Broadway-Musicals, die speziell für ein erwachsenes Publikum geschrieben wurden. Der historische Abriss zeigt auch die Experimentierfreudigkeit des amerikanischen Musicals, das gleichzeitig jedoch sehr konservativ an möglichst vielen Konventionen festhalten wollte. Die Studie zeigt fernera, wie sich das Broadway-Publikum allmählich für diese Themen öffnete und dass auch das mittelständische Publikum dem Adult Musical gegenüber aufgeschlossen war. Damit steht Hard Times in der Tradition wissenschaftlicher Abhandlungen, die die Aufnahme gesellschaftlicher Themen und den gesellschaftlichen Wandel als gattungsspezifisches Merkmal des amerikanischen Musicals untersuchen. Es wäre interessant gewesen, hätte Wollman den Bogen weiter gespannt, indem sie die Anfänge des amerikanischen Theaters mit den Aufführungen der Werke Shakespeares, die ja teilweise auch frivol und obszön sind, die Balladenoper und auch die Minstrel Show mitberücksichtigt hätte. Aber ihre Entscheidung, das Vaudeville, die Burleske und die Revue als die direkten Vorläufer des amerikanischen Musicals auszuwählen ist eine gelungene Verortung des Adult Musicals in der Tradition des amerikanischen Musiktheaters.

Marc Bauch (Hermeskeil)

Author: American Studies

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