Nachruf auf den Amerikanisten Christof Decker (LMU München)

Mit Christof Decker hat die deutsche Amerikanistik einen ihrer profiliertesten Vertreter der sogenannten Visual Culture Studies verloren. Das in der deutschen Bezeichnung “Bildwissenschaft” nur unzureichend beschriebene Forschungsfeld hat für die Amerikastudien wichtige Einsichten in Geschichte und Kultur des an visuellen Repräsentationsformen reichen Landes ermöglicht. Spätestens seit W.J.T. Mitchells Picture Theory (1994) ist die Macht der Bilder als kulturhistorische Einflussgröße offenkundig. Während die frühe Amerikanistik sich zumeist der Literatur und anderen sprachlichen Kunstformen zugewandt hatte, gehörte Christof Decker zu jenen Pionieren des Fachs, die sich daran machten, die Geschichte der USA anhand von Film, Fernsehen, Photographie und bildender Kunst zu erzählen.

Christofs Dissertation, Die ambivalente Macht des Films. Explorationen des Privaten im amerikanischen Dokumentarfilm (1995), die im Umfeld des von der Volkswagenstiftung geförderten Großprojekts “Der amerikanische Dokumentarfilm in Forschung und Lehre der Amerikastudien” entstand, versuchte bereits den Brückenschlag zwischen Filmanalyse und den Modernisierungstheorien von Adorno und der Frankfurter Schule. In der 2003 im Frankfurter Campus Verlag veröffentlichten Habilitationsschrift, Hollywoods kritischer Blick. Das soziale Melodrama in der amerikanischen Kultur, 1840 -1950, findet sich dann der breit angelegte Versuch, anhand der Geschichte Hollywoods und seiner ästhetischen Präferenzen eine ‘neue’ Sozialgeschichte amerikanischer Kultur zu schreiben. Das Projekt wurde in großen Teilen von Winfried Fluck begleitet und, wie auch schon die Dissertation, an der Freien Universität Berlin eingereicht.

Aus Frankfurt kommend und von Günter Lenz in die Amerikastudien sozialisiert, hat sich Christof Decker Zeit seines akademischen Lebens den Berliner Amerikastudien zugehörig gefühlt. Und wie andere Berliner Amerikanistinnen vor ihm — man denke etwa an Klaus Poenicke oder Ulla Haselstein — kam Christof nach seiner Habilitation an die LMU München, wo er seit 2002 — zunächst als Privatdozent, später dann als außerordentlicher Professor für Nordamerikastudien — bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im Frühjahr 2024 in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Beides, Christofs anhaltende Fokussierung auf das Forschungsfeld Visualität und seine nach wie vor starke Anbindung an die Berliner Amerikanistik, hat dem Amerika Institut, an dem ich seit 2007 als Lehrstuhlinhaber für Nordamerikanische Literatur tätig war, außerordentlich gut getan.

Christof und ich waren uns nicht immer, aber immer darin einig, dass es viele unterschiedliche Blicke auf das Land jenseits des Atlantik geben müsse, und dass der Blick auf die Massenkultur, die für die USA spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert konstitutiv war, hierbei eine zentrale Rolle zukam. Christof stand nicht nur für die Kontinuität eines an der Frankfurter Schule orientierten, ideologiekritischen Blicks auf die amerikanische Kultur. Er stand auch für die Kontinuität eines akademischen Pflicht- und Selbstverständnisses, für das der intellektuelle Austausch mit den Studierenden, das Engagement für bessere und effizientere Studienbedingungen und die kollegiale Mitarbeit in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung (noch) eine Selbstverständlichkeit war. Als Hochschullehrer war Christof stets bemüht, Interesse und Neugier für die mannigfaltigen Gegenstände des Fachs und seine verschiedenen akademischen ‘Häutungen’ (von den New American zu den Material Culture Studies and beyond) zu wecken. So hat er neben späteren wichtigen Veröffentlichungen in seinem Kernarbeitsbereich, gemeinsam mit Astrid Böger das “Visual Culture and Media Studies Network” ins Leben gerufen und sich in Presse und Rundfunk vielfach zu Themen im Umfeld von Film und Fernsehen geäußert.

Christof ist nun nach langer, schwerer Krankheit von uns gegangen. Mit ihm hat die Amerikanistik einen profilierten und kritischen Beobachter amerikanischer Massenkultur verloren. Für das Münchner Amerika Institut war sein krankheitsbedingt verfrühtes Ausscheiden im letzten Jahr bereits ein schwerer Schlag. Wir werden seine Sachkompetenz und sein anhaltendes  Engagement für einen kritischen Blick auf den Gegenstand und die Methoden des Fachs vermissen. Im Namen aller Angehörigen des Amerika Institutes und in tiefer Trauer um unseren langjährigen Kollegen Prof. Dr. Christof Decker,

Klaus Benesch
LMU International Research Professor
Prof. em. für Nordamerikanische Literatur,
Amerika Institut, LMU München